Hundertfüßer

Hundertfüßer im Terrarium: Umfassender Pflege- und Haltungsleitfaden

Hundertfüßer im Terrarium sicher halten: Arten, Setup, Fütterung und Kontrolle

Hundertfüßer sind faszinierende, aber anspruchsvolle Terrarienbewohner. Wer sie erfolgreich hält, braucht kein aufwendig dekoriertes Schaubecken, sondern ein sauber geplantes, ausbruchsicheres und artspezifisch abgestimmtes System. Dieser Ratgeber erklärt, welche Hundertfüßer im Hobby vorkommen, worin sie sich deutlich von Tausendfüßern unterscheiden und wie Sie Terrarium, Klima, Fütterung, Sicherheit und Pflege sinnvoll aufeinander abstimmen.

Executive Summary

Die wichtigste Grundregel lautet: Hundertfüßer sind Beobachtungstiere, keine Handlingtiere. Im Hobby werden vor allem große bodenorientierte Arten aus der Ordnung Scolopendromorpha gehalten. Diese Tiere sind schnelle, giftige Räuber mit starkem Fluchtpotenzial und deutlich anderen Ansprüchen als Tausendfüßer.

  • Die Haltung muss sich an Art, Herkunft und Mikrohabitat orientieren, nicht an einer einzigen Standardtemperatur oder einem pauschalen Feuchtewert.
  • Ein sicheres Terrarium mit fest schließendem Deckel, kontrollierbarer Lüftung, grabfähigem Substrat, Versteck und Wasserschale ist wichtiger als dekorative Höhe.
  • Für viele Arten ist ein Feuchtegefälle mit trockenerem und feuchterem Bereich sinnvoller als ein komplett nasses oder komplett trockenes Becken.
  • Gefüttert werden passend große lebende Futtertiere. Nicht gefressene Futterinsekten müssen besonders vor und während der Häutung rasch entfernt werden.
  • Vor Kauf, Verkauf oder Umzug sollten lokale Regeln zu gefährlichen Tieren sowie Herkunft und Artbestimmung geprüft werden.

Hundertfüßer richtig einordnen

Hundertfüßer gehören zur Klasse Chilopoda. Sie tragen pro Körpersegment nur ein Beinpaar, sind räuberisch und besitzen zu Giftklauen umgebildete Vorderextremitäten, mit denen sie Beute überwältigen. Tausendfüßer gehören dagegen zu den Diplopoda, tragen an den meisten Rumpfabschnitten zwei Beinpaare und ernähren sich überwiegend von abgestorbenem Pflanzenmaterial. Für die Terraristik bedeutet das: Wer Regeln aus der Tausendfüßerhaltung auf Hundertfüßer überträgt, macht oft grundlegende Fehler bei Fütterung, Feuchteführung und Sicherheit.

MerkmalHundertfüßerTausendfüßer
Zoologische GruppeChilopodaDiplopoda
Beine pro SegmentEin BeinpaarMeist zwei Beinpaare
LebensweiseRäuberisch, schnell, versteckorientiertZersetzer, langsam, substrat- und lauborientiert
AbwehrGiftklauen, Flucht, WehrhaftigkeitEinrollen, Abwehrsekrete
Konsequenz für die HaltungEinzelhaltung, sichere Werkzeuge, Futtertiere, AusbruchsschutzAnderes Substratkonzept, andere Fütterung, andere Sicherheitslage

Hundertfüßer sind außerdem stärker von Austrocknung bedroht als viele andere Gliederfüßer. Gleichzeitig führt dauerhaft nasses Substrat bei vielen Arten schnell zu Schimmel, Stress und Haltungsproblemen. Genau deshalb ist ein feuchtes Mikroklima im richtigen Bereich sinnvoll, ein nasses Terrarium als Standardschema aber nicht.

Welche Hundertfüßer im Hobby vorkommen

Im Terraristik-Hobby werden vor allem größere Arten und Gattungen der Scolopendromorpha angeboten. Häufig zu sehen sind Tiere aus den Gattungen Scolopendra und Ethmostigmus, seltener auch Alipes oder Rhysida. Ein Problem im Handel ist, dass nicht jedes Tier sauber bestimmt wird. Farbformen, Herkunftsangaben und sogenannte Marktnamen ersetzen keinen belastbaren Artnachweis. Für Haltung, Giftpotenzial, Klimaanspruch und mögliche rechtliche Prüfung ist der genaue wissenschaftliche Name jedoch wichtig.

ArtTypische EndgrößeGiftigkeit für MenschenFeuchtebedarf im TerrariumEignung für Anfänger
Scolopendra cingulataEtwa 10 bis 15 cmDeutlich schmerzhaft, innerhalb großer Scolopendra oft etwas moderater eingeordnetEher mäßig, mit trockenerer Oberfläche und feuchter RückzugszoneNur bedingt und nicht für absolute Einsteiger
Scolopendra herosMeist etwa 16 bis 20 cm, teils größerHoch, Bisse gelten als sehr schmerzhaftSemitrocken bis mäßig, immer mit feuchtem VersteckbereichNein
Scolopendra dehaaniOft etwa 15 bis über 20 cmHoch, wehrhaft und im Hobby klar kein AnfängerhundertfüßerJe nach Herkunft mäßig bis deutlich feucht, aber nur mit starker LüftungNein
Ethmostigmus trigonopodusGroßwüchsig, im Hobby meist etwa 15 bis 18 cmHochMäßig bis höher, mit guter Belüftung und klarer FeuchtezoneNein

Die Tabelle zeigt bewusst nur grobe Orientierungswerte. Innerhalb einer Gattung können Herkunft, Mikrohabitat, Größe und Giftwirkung deutlich schwanken. Gerade bei Scolopendra-Arten ist deshalb Vorsicht wichtiger als Routine. Wenn Sie ein Becken neu planen, beginnen Sie nicht mit Technik, sondern mit der Artbestimmung und der Frage, ob es sich eher um eine tropische, saisonal feuchte, mediterrane oder semiaride Art handelt.

Für wen Hundertfüßer geeignet sind

Hundertfüßer sind keine klassischen Anfängertiere. Sie eignen sich am ehesten für Halter, die bereits ein Gefühl für Mikroklima, sichere Arbeitsabläufe, Futtertiermanagement und ausbruchsichere Terrarien entwickelt haben. Wer ein Tier sucht, das sich gut zeigen, umsetzen oder auf die Hand nehmen lässt, ist mit Hundertfüßern falsch beraten. Wer dagegen ruhige Beobachtung, präzise Pflege und konsequente Sicherheitsroutinen schätzt, kann mit einer passenden Art ein sehr interessantes Terrarientier pflegen.

Terrarium Schritt für Schritt richtig einrichten

Beckenwahl und Ausbruchsschutz

Für Hundertfüßer ist die nutzbare Grundfläche wichtiger als reine Höhe. Ein bodenorientiertes, robustes Becken mit sicher verriegelbarem Deckel ist die bessere Wahl als ein hohes Schaubecken mit vielen Kletterwegen direkt zum Deckel. Für die dauerhafte Haltung eignen sich solide Terrarien. Für Quarantäne, kurzfristige Beobachtung oder ein kontrollierbares Übergangssetup können auch stabile Faunarien sinnvoll sein. Wenn Sie Größe und Bauform noch nicht sauber eingeordnet haben, hilft der interne Ratgeber zur Terrarium Auswahl nach Tierart.

Wichtig ist, dass keine Spalten, Kabelöffnungen oder Lüftungsschlitze vorhanden sind, durch die ein schlanker Hundertfüßer entweichen kann. Viele Arten klettern keine glatten Glasscheiben hoch, können aber Silikonnähte, raue Ecken, zu dicht an den Deckel führende Dekoration und schlecht gesicherte Lüftungsgitter nutzen. Äste, Korkstücke oder Steine dürfen deshalb nie als Leiter zum Deckel enden.

Substrat, Grabtiefe und Struktur

Der Bodengrund muss grabfähig, formstabil, schadstoffarm und zur Zielart passend sein. Für feuchtere tropische Arten bewähren sich strukturstabile Mischungen aus ungedüngter Erde mit feuchtigkeitsführenden Anteilen. Für mediterrane oder semiaride Arten wird der Untergrund häufig mineralischer und trockener geführt, idealerweise mit einer feuchteren Sicherheitszone unter dem Hauptversteck. Einen guten Einstieg in geeignete Materialien bietet die Kategorie Terrarium Bodengrund.

Viele häufig gehaltene Arten sollten mehrere Zentimeter Substrattiefe bekommen; bei größeren, grabfreudigen Arten ist eher mehr als weniger Tiefe sinnvoll. Das Ziel ist nicht, den Boden möglichst dekorativ aussehen zu lassen, sondern eine stabile Rückzugsschicht zu schaffen, in der der Hundertfüßer Feuchte, Temperatur und Sicherheit selbst wählen kann. Reine Staubsubstrate, sumpfiger Boden oder stark verdichtete, sauer riechende Mischungen sind ungeeignet.

Verstecke, Sichtschutz und Einrichtung

Ein gutes Hundertfüßerterrarium braucht mindestens ein stabiles Hauptversteck und idealerweise eine zweite Zone mit leicht anderer Feuchte. Bewährt haben sich Kork, feste Höhlen, flache Rindenstücke oder unterhöhlte Strukturteile. Passende Produkte finden Sie bei Terrarien Höhlen. Sinnvoll ist dabei nicht die größte Menge an Einrichtung, sondern die richtige Platzierung: ein trockenerer Rückzug, ein feuchterer Rückzug, freie Jagdfläche und eine sichere Wasserschale.

Schwere Dekoration sollte so stehen, dass sie nicht in grabfähiges lockeres Substrat einsinkt oder bei Unterhöhlung abrutschen kann. Große Steine gehören nur dann ins Becken, wenn sie standsicher platziert sind und nicht auf einen grabenden Hundertfüßer kippen können.

Feuchte, Temperatur und Lüftung

Bei Hundertfüßern gibt es keinen einzigen Standardwert, der für alle Arten passt. Als grobe Praxislinie werden tropische Hobbyarten oft im normal warmen bis mäßig warmen Bereich gehalten, während mediterrane oder semiaride Arten trockener und meist etwas kühler geführt werden. Entscheidend ist immer die Herkunft. Für viele Arten ist ein Feuchtegefälle mit trockenerem Bereich, feuchterer Rückzugszone und guter Lüftung sinnvoller als eine überall identische Luftfeuchtigkeit.

Zur Kontrolle sollten Sie Temperatur und Feuchte nicht schätzen, sondern mit geeigneter Terrarium Technik messen. Nützlich sind ein oder mehrere Terrarium Thermometer sowie ein Ratgeber zur sinnvollen Positionierung von Messgeräten wie beim Thema Thermo Hygrometer im Terrarium richtig nutzen. Messen Sie nicht nur in der Luftmitte, sondern auch knapp über dem Bodengrund und nahe dem feuchten Rückzug.

Zusätzliche Heizung ist nur dann nötig, wenn der Raum für die gepflegte Art dauerhaft zu kühl ist. In der Praxis werden seitliche oder rückwandseitige Wärmequellen meist kontrollierter bewertet als Bodenheizung unter dem Substrat. Unterbodenwärme ist bei grabenden Hundertfüßern umstritten, weil das Tier Wärme und Sicherheit im Boden zugleich sucht. Wenn beheizt wird, dann zurückhaltend, nur partiell und immer mit Thermostat sowie Probelauf ohne Tier über mehrere Tage.

Licht, UVB und Tagesrhythmus

Hundertfüßer benötigen keine UVB-Versorgung wie viele tagaktive Reptilien. Helles Schaubeleuchten, starke Wärmespots oder direkte Sonneneinstrahlung sind meist eher Problem als Nutzen, weil sie Stress und Austrocknung fördern. Ein natürlicher Tag-Nacht-Rhythmus über Raumlicht oder eine zurückhaltende Terrarienbeleuchtung reicht in den meisten Haltungen aus. Wer das Becken beleuchtet, sollte vor allem darauf achten, dass das Versteck dunkel bleibt und der Bodengrund nicht austrocknet.

Wasser und Mikroklima

Eine flache, kippsichere Wasserschale sollte immer vorhanden sein. Bei manchen Arten wird daraus aktiv getrunken, bei anderen dient sie eher der Stabilisierung des Mikroklimas. Zusätzlich ist es oft sinnvoller, nur einen Teil des Substrats oder einen Bereich unter dem Versteck gezielt leicht feucht zu halten, statt das gesamte Becken großflächig zu sprühen. Das reduziert Schimmel und gibt dem Tier eine echte Wahlmöglichkeit.

Praxisanleitung für das erste Setup

  • Artname und Herkunft sauber prüfen. Keine Haltung nach Sammelbegriffen oder nur nach Farbe planen.
  • Ausbruchsicheres Becken mit passender Grundfläche auswählen und Verschlüsse testen.
  • Mehrere Zentimeter geeignetes Substrat einfüllen und eine trocknere sowie eine feuchtere Zone anlegen.
  • Mindestens ein stabiles Hauptversteck und eine sichere Wasserschale einbauen.
  • Mehrere Tage Probelauf ohne Tier durchführen und Temperatur, Feuchte und Lüftung an verschiedenen Punkten prüfen.
  • Erst danach das Tier einsetzen und in den ersten Wochen möglichst wenig umbauen.

Fütterung, Wasser und Supplementierung

Hundertfüßer sind räuberisch. Im Terrarium werden vor allem passend große, lebende Futtertiere wie Heimchen, Grillen, Schaben oder andere geeignete Futterinsekten angenommen. Für die Fütterung im Alltag sind gut verfügbare Futterinsekten sinnvoll. Das Beutetier sollte nicht so groß oder so wehrhaft sein, dass der Hundertfüßer dabei verletzt wird oder die Häutung gestört wird.

Jungtiere fressen in der Regel häufiger und kleinere Beute, adulte Tiere meist seltener. Wichtiger als ein starres Intervall ist der Zustand des Tieres. Ein überfütterter Hundertfüßer wirkt nicht automatisch gesünder. Übermäßig reichliche Fütterung führt eher zu unnötigem Beutedruck im Becken und mehr Reinigungsaufwand. Nicht gefressene Futtertiere sollten spätestens nach etwa 24 Stunden entfernt werden.

Für Hundertfüßer ist eine klassische Vitamin- oder Calciumroutine wie bei vielen Reptilien kein Standard. Deutlich wichtiger sind passende Beutegröße, abwechslungsreiche Futtertiere und saubere Fütterung. Wenn Futterinsekten länger bevorratet werden, sollten diese selbst vernünftig versorgt werden, damit sie als Beute nicht ausgehungert ins Terrarium gelangen.

Häutung, Ruhephasen und Verhalten

Vor einer Häutung ziehen sich Hundertfüßer häufig zurück, fressen schlecht oder gar nicht und wirken ruhiger. Bei manchen Tieren dunkelt die Färbung etwas nach. In dieser Phase sollte nicht experimentiert, nicht umgebaut und vor allem kein Futtertier dauerhaft im Becken belassen werden. Während und kurz nach der Häutung ist das Tier verletzlich, obwohl Hundertfüßer nicht so offen und exponiert häuten wie manche Spinnen.

Viele Arten sind überwiegend dämmerungs- oder nachtaktiv. Ein Tier, das tagsüber fast nie sichtbar ist, ist deshalb nicht automatisch krank. Wichtiger als reine Sichtbarkeit sind Körperzustand, Reaktionsvermögen, Futterannahme, intakte Extremitäten, normales Grabbverhalten und ein sauber kontrollierbares Mikroklima.

Quarantäne, Reinigung und laufende Pflege

Neue Tiere sollten möglichst nicht sofort in ein aufwendig eingerichtetes Endbecken gesetzt werden, wenn Herkunft, Allgemeinzustand oder Artbestimmung unklar sind. Eine getrennte, sichere Beobachtungsphase in einem einfachen Setup erleichtert die Kontrolle von Futteraufnahme, Kot, Aktivität, Milbenverdacht und Häutungsverlauf. Für solche Übergangsphasen helfen kleine, klare und gut kontrollierbare Becken deutlich mehr als komplexe Schauanlagen.

Im Alltag reicht meist punktuelle Reinigung: Futterreste, Kot, Schimmelherde und verschmutzte Wasserschalen werden entfernt, das restliche Bodenmilieu bleibt stabil. Komplettreinigungen sind bei Hundertfüßern eher Ausnahme als Routine. Sie sind dann sinnvoll, wenn das Substrat kippt, riecht, massiv verschimmelt, stark verunreinigt ist oder ein Parasitenproblem vermutet wird. Für die Pflegearbeiten sind lange Futterpinzetten und separates Material für Reinigung und Hygiene nützlicher als häufiges Herausnehmen des Tieres.

Pflege-Timeline und Kontrollplan

IntervallAufgabenWorauf besonders achten
Vor dem EinsetzenProbelauf über mehrere Tage, Messpunkte prüfen, Verschlüsse testen, Feuchtegefälle aufbauenKeine Spalten, stabile Lüftung, kein Hitzestau, Verstecke funktionsfähig
WöchentlichWasserschale reinigen, Futterreste entfernen, Substratoberfläche kontrollieren, Tier kurz sichtenSchimmel, Milben, Verletzungen, Austrocknung oder dauerhaft zu nasses Substrat
MonatlichKlimawerte an mehreren Punkten gegenprüfen, Einrichtung auf Stabilität prüfen, Fütterungsprotokoll anpassenVerändertes Wachstum, Häutungsprobleme, Verhaltensänderungen, Deckel und Lüftung
Jährlich oder bei BedarfTeilaustausch oder kompletter Wechsel problematischen Substrats, Grundreinigung nur wenn nötigGeruch, starke organische Belastung, Pilzwachstum, Parasitenverdacht
Bei Neuerwerb oder VerdachtGetrennte Beobachtung, reduziertes Quarantänesetup, eigenes WerkzeugFutterannahme, Häutung, Ektoparasiten, unklare Artbestimmung

Sicherheitscheckliste für Hundertfüßerhalter

  • Nie mit bloßen Händen umsetzen.
  • Pflege nur mit vorbereitetem Fangbecher oder Umsetzbox und langen Werkzeugen durchführen.
  • Vor jeder Arbeit den Raum sichern: keine Kinder, keine frei laufenden Haustiere, keine Ablenkung.
  • Immer zuerst den Fluchtweg des Tieres mitdenken und nicht erst während des Umsetzens improvisieren.
  • Nur kurze, ruhige und geplante Eingriffe durchführen. Dauerndes Öffnen stresst Tier und Halter.
  • Bei Biss, starker Hautreaktion, Atemproblemen, Kreislaufbeschwerden oder Augenkontakt mit Sekreten sofort medizinische Hilfe veranlassen.

Rechtliche Einordnung und Artenschutz vorsichtig bewertet

Artenschutzrechtlich sind Hundertfüßer anders einzuordnen als viele Reptilien. Für die typischen Hobbygattungen ergab die Prüfung der öffentlich zugänglichen Datenbanken CITES Checklist und Species+ im Rahmen dieser Recherche keinen offensichtlichen Standardtreffer, der einer pauschalen CITES-Haltungsaussage gleichkäme. Das ist aber keine Freigabebescheinigung. Herkunft, Import, Nachweisführung, tierschutzrechtliche Anforderungen und lokale Verbote müssen trotzdem geprüft werden.

Besonders wichtig ist das Gefahrtierrecht. Die Regelungen sind in Deutschland nicht überall gleich. Das nordrhein-westfälische Gifttiergesetz führt aktuell bestimmte Schlangen, Skorpione und Spinnen ausdrücklich auf, kommunale oder andere lokale Vorschriften können aber weiter reichen. Die Stadt München nennt in ihrer Liste gefährlicher Tiere ausdrücklich Scolopendra spp. als gefährlich. Vor Anschaffung, Umzug, Verkauf oder Weitergabe sollte deshalb immer die zuständige Behörde am Wohnort oder Haltungsort kontaktiert werden. Wer nur nach Forenmeinungen kauft, riskiert nicht nur Haltungsfehler, sondern auch rechtliche Probleme.

Häufige Fehler bei der Hundertfüßerhaltung

  • Tausendfüßerregeln übernehmen und Hundertfüßer wie Detritusfresser pflegen.
  • Zu viel Höhe und zu wenig nutzbare Bodenfläche einplanen.
  • Deckel, Lüftung oder Kabeldurchführungen nicht hundertprozentig sichern.
  • Das ganze Terrarium dauerhaft nass halten statt ein Feuchtegefälle zu schaffen.
  • Direkte Hitze von oben oder ungeregelte Zusatzheizung einsetzen.
  • Vor oder während der Häutung Futtertiere im Becken lassen.
  • Das Tier aus Neugier regelmäßig umsetzen oder auf die Hand nehmen.
  • Unklare Marktbezeichnungen statt sauberer Artbestimmung akzeptieren.
  • Rechtliche Lage erst nach dem Kauf prüfen.
  • Zu oft komplett reinigen und dadurch das stabile Mikroklima zerstören.

FAQ zu Hundertfüßern im Terrarium

Sind Hundertfüßer für Anfänger geeignet?

Nur sehr eingeschränkt. Wer noch nie mit ausbruchsicheren, wehrhaften Wirbellosen gearbeitet hat, sollte sich gut überlegen, ob ein giftiger Hundertfüßer die richtige Einstiegsgruppe ist. Einzelhaltung, sicheres Werkzeug, ruhige Arbeitsabläufe und genaue Artenkenntnis sind hier wichtiger als bei vielen anderen Terrarientieren.

Wie groß sollte das Terrarium für einen Hundertfüßer sein?

Es sollte deutlich mehr nutzbare Grundfläche als reine Körperlänge bieten und so gebaut sein, dass Klettermöglichkeiten zum Deckel vermieden werden. Bei großen Scolopendra-Arten braucht es mehr Platz, mehr Deckelsicherheit und meist auch mehr Substrattiefe als bei kleineren Arten. Ein pauschales Litermaß für alle Hundertfüßer wäre fachlich zu grob.

Wie feucht muss das Terrarium sein?

Das richtet sich nach Art und Herkunft. Für viele Haltungen ist ein Feuchtegefälle die beste Lösung: eine trockenere Zone zum Laufen und ein feuchterer Rückzug zum Stabilisieren des Wasserhaushalts. Dauerhafte Staunässe ist ebenso problematisch wie völliges Austrocknen.

Brauchen Hundertfüßer UVB oder starke Beleuchtung?

Nein, normalerweise nicht. Hundertfüßer sind überwiegend dämmerungs- oder nachtaktiv und profitieren eher von dunklen, sicheren Rückzugszonen als von heller Technik. Wichtig ist ein Tag-Nacht-Rhythmus, nicht eine reptilienartige UVB-Versorgung.

Was fressen Hundertfüßer?

Vor allem passend große lebende Wirbellose wie Heimchen, Grillen, Schaben oder andere geeignete Futterinsekten. Große Arten können im Freiland auch kleine Wirbeltiere fressen, doch in der privaten Haltung ist das nicht notwendig und in der Routine eher unpraktisch. Entscheidend sind passende Beutegröße, saubere Fütterung und das rasche Entfernen nicht gefressener Tiere.

Darf man Hundertfüßer mit der Hand umsetzen?

Davon ist klar abzuraten. Hundertfüßer sind schnell, wehrhaft und giftig. Dazu kommt die Ausbruchgefahr. Sicherer sind lange Werkzeuge, Fangbecher oder vorbereitete Umsetzboxen. Das reduziert das Risiko für Tier und Halter deutlich.

Was ist bei der Häutung besonders wichtig?

Rückzug, Ruhe und ein stabiles Mikroklima. Vor einer Häutung fressen viele Tiere schlecht und ziehen sich zurück. In dieser Zeit sollten keine Futtertiere dauerhaft im Becken bleiben, weil sie das Tier verletzen oder stören können. Umbauten und häufiges Öffnen des Beckens sind ebenso ungünstig.

Gibt es für Hundertfüßer Meldepflichten oder Verbote?

Eine pauschale bundesweite Aussage für alle Hundertfüßer ist nicht sinnvoll. Vieles hängt von Bundesland, Kommune, Artbestimmung und Einstufung als gefährliches Tier ab. Deshalb sollte die Rechtslage immer vor dem Erwerb und nicht erst danach bei der zuständigen Stelle geprüft werden.

Quellen und weiterführende Informationen

Für viele häufig gehandelte Hundertfüßer gibt es deutlich weniger frei zugängliche, offizielle Haltungsleitlinien als etwa für Reptilien. Deshalb kombiniert dieser Ratgeber Behörden- und Medizinquellen zu Sicherheit und Recht mit wissenschaftlicher Literatur zu Taxonomie und Ökologie sowie ergänzenden Fachleitfäden zur praktischen Terrarienroutine.

HerausgeberTitel und URLVerwendet für
University of California Museum of PaleontologyIntroduction to the MyriapodaAbgrenzung Chilopoda zu Diplopoda, ein Beinpaar pro Segment, Räuberstatus der Hundertfüßer.
Missouri Department of ConservationCentipedesFeuchtigkeitsempfindlichkeit, Mikrohabitate, allgemeine Biologie und Hinweise zu Scolopendra heros.
NCBI BookshelfCentipede EnvenomationMedizinische Relevanz von Bissen, Giftwirkung, nächtliche Aktivität, Vorsicht beim Handling.
PubMedSystemic anaphylaxis following centipede envenomationSeltene, aber ernst zu nehmende allergische Reaktionen nach Hundertfüßerbissen.
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FAO AGRISCentipede Care and HusbandryWissenschaftliche Referenz zur Haltung und klinischen Grundbewertung in Gefangenschaft.
WileyMyriapods Centipedes and MillipedesVeterinärmedizinische Einordnung, opportunistische bakterielle und fungale Probleme bei Haltungsfehlern.
Minibeast WildlifeCare Guide Ethmostigmus rubripesPraxisnahe Hinweise zu tropischer Hundertfüßerhaltung, Fütterung, Feuchtegefälle, Häutung und Wartung.
Amphibian Pug / FachleitfadenGiant Centipedes Order ScolopendromorphaÜbersicht häufig gehaltener Gattungen und Arten, Größenrahmen, Klima- und Sicherheitsaspekte.
CITES SecretariatCITES ChecklistEinzelfallprüfung möglicher artenschutzrechtlicher Listungen typischer Hobbygattungen.
UNEP-WCMC und CITESSpecies+Ergänzende Prüfung zu CITES- und EU-Wildtierhandelsdaten im Einzelfall.
RECHT.NRWGifttiergesetz Nordrhein-WestfalenBeispiel für landesrechtliche Gefahrtierregeln und deren taxonomische Reichweite.
Landeshauptstadt MünchenListe gefährliche TiereBeispiel kommunaler Regelung, in der Scolopendra spp. ausdrücklich als gefährlich eingeordnet werden.
Service BerlinTiere gefährliche Wildtiere AusnahmegenehmigungEinordnung der abweichenden kommunalen und landesrechtlichen Regelungen zu gefährlichen Wildtieren.

Wichtiger Hinweis: Dieser Ratgeber wurde nach bestem Wissen anhand der genannten Quellen erstellt. Die Angaben wurden sorgfältig recherchiert, erfolgen jedoch ohne Gewähr und ersetzen keine tierärztliche Diagnose sowie keine behördliche oder rechtliche Einzelfallprüfung. Haltungswerte, Meldepflichten, Artenschutz, Gefahrtierregelungen, Sicherheitsanforderungen und Gesundheitsrisiken können je nach Art, Herkunft, Bundesland, Produkt, Herstellerangabe und Einzelfall abweichen. Bitte prüfen Sie die konkreten Anforderungen vor Anschaffung, Haltung, Verkauf, Einbau oder Nutzung immer artspezifisch und aktuell.